Matten gerät in Seenot

Gemeinsamer Segelspaß

Gestern traf unser Sohn wohlbehalten aus Laboe ein und wir durften gemeinsam bei Wein und Scholle Nr. 6 einen wunderbaren Abend genießen.

Scholle Nr. 6
Scholle Nr. 6

Heute Morgen schlagen unerwartet früh auch unsere Freunde Tina und Jörg auf, die wohl zu einer heldenmäßigen Zeit ihre Kojen verlassen haben, um mit uns den Tag zu verbringen. Natürlich wollen wir alle gemeinsam segeln. Doch vorher zelebrieren wir ein gemeinsames Frühstück in Mattens Pflicht. Das Wetter ist leider sehr wechselhaft. Herr R. zeigt sich wieder unentschlossen. Regen-und Gewitterfronten schieben sich wiederholt vor den sommerlich blauen Himmel. Doch dann öffnet sich für uns ein größeres wolkenloses Fenster. Die Sicherheitseinweisung auf Lütt Matten hatte ich beim Aussitzen des letzten Gusses mit der Crew abgehakt. Und so können wir nun die Festmacher schnell lösen. Der erste gemeinsame Ableger klappt gleich gut, auch wenn mein Seglerdeutsch nicht immer verstanden wird und ein einzelner graubärtige Herr die Diktatur des Skippers noch nicht wortlos hinnehmen kann. Auf dem Seekanal vor Warnemünde herrscht reger Verkehr. Zügig nutze ich eine Lücke zwischen zwei Dickschiffen und quere das Fahrwasser. Wir setzen die Segel, bleiben mit dem Groß defensiv im ersten Reff. Auch die Genua lasse ich nicht voll ausrollen. Trotzdem laufen wir zwischen 6 und 7 Knoten und Lütt Matten zeigt trotzdem wenig Krängung. Segelspaß pur für alle.

Das Unheil naht

Auf Höhe Kühlungsborn sehe ich am Horizont erste Anzeichen einer sich aufbauenden schwarzen Regenfront und zwinge meine sonnenvergnügte Crew undemokratisch zur Wende, die auch prima vollzogen wird. Natürlich mit Ansagen, wie „ Klar zur Wende“ , „Über die Fock“ etc. Die Show wurde ja komplett gebucht. Obwohl wir immer noch zügig segeln, rücken die dunklen Wolken bedenklich näher.

Unwetterfront auf der Ostsee
Unwetterfront rückt an

Erfahrungsgemäß steckt in diesen Fronten viel Wind und ich nehme das Großsegel ganz weg. Wenig später starte ich den Motor und lasse auch die Genua ganz einrollen. Der vor uns befindlicher Segler tut es mir gleich, während sich hinter uns eine rote Yacht unbeirrt in vollem Segelkleid nähert.  Die ersten Regentropfen treffen uns. Meine Crew verzieht sich unters Deck. Ich lasse mir meine Öljacke hochreichen. Skippers Schicksal. Dann bricht das Unwetter über uns. Sturmböen von über 45 kn und ein peitschender Regen erzeugen eine wahre Weltuntergangsstimmung. Ich bin mehr oder weniger allein und muss das durchstehen, vor allem gedanklich. Erstmal irgendwie weiter Richtung Heimathafen. Der rote Segler hinter mir kämpft mit seinem vielen Tuch. Ich denke für mich, die Weisheit „Reffe, wenn du auch nur daran denkst.“ war mal wieder goldrichtig. Der Wind gewinnt an Stärke und ich kann Lütt Matten kaum auf Kurs halten. Ohne einen Zentimeter Segeltuch legt sich Matten böenweise auf die Backe. Als ich meine Brille tauschen will und unter Deck um Assistenz bitte, hebt es einen Türflügel des Schotts aus den Angeln. Nun wird es kurzzeitig auch im Salon feucht. Die Küstenlinie ist durch die fliegende Gischt nicht mehr zu sehen. Auch der roten Segler ist verschwunden. Ich wünsche ihm, daß er sein Tuch noch irgendwie runter bekommen hat. Die Zeit zieht sich und nichts deutet auf ein schnelles Ende des Wutausbruchs von Herrn R. Laut Plotter stehen wir jetzt mitten im Seekanal. Ich überlege kurz, die Hafeneinfahrt anzusteuern, doch erscheint mir das Manöver einfach zu riskant. Erfahrene Segler mahnen immer wieder, bei schwierigen Bedingungen lieber auf freier See zu bleiben. Ich folge diesem Rat. Uli bitte ich laut rufend, Warnemünde Traffic anzufunken und ihnen unsere Lage zu erklären. Fähren und anderen Dickschiffen könnten wir jetzt nicht ausweichen. Uli erledigt das Funken trotz fehlender Erfahrung beherzt und ohne Panik. Gut, dass wir auch die Bedienung der Funke besprochen hatten. Die vertraute Stimme vom Hafenfunk sendet die beruhigende Nachricht, dass in 10 Minuten das Schlimmste überstanden sein wird und man uns per AIS sieht. Dann kann ich Matten überhaupt nicht mehr auf Kurs halten. Hallo? Das ist jetzt nicht lustig. Es sollte doch irgendwann aufhören mit diesem Treiben und wird nun schlimmer? War das nur ein Durchhalteruf von Warnemünde Traffic? Ich schaue auf den Drehzahlmesser und realisiere, dass Mattens Motor seinen Dienst eingestellt hat. Durch die schreiende See blieb das fehlende Tuckern des Diesels für mich unbemerkt. Wir machten ja trotzdem 2 Knoten Fahrt Richtung Hohe Düne. Ein Startversuch des Motors scheitert. Wind und Wellen sind wir nun hilflos ausgesetzt. Ich kontrolliere auf dem Plotter den Abstand zur Mole und zur Küste. Akute Gefahr besteht für uns noch nicht. Also entscheide ich, keinen Mayday-Ruf abzusetzen. In dieser gespenstischen Szenerie brülle ich gegen den Wind nochmals in den Salon und bitte Uli, abermals den Hafenfunk anzurufen und über unsere neue Lage zu informieren. Sie mögen unseren Hilferuf an die im Alten Strom liegenden Seenotretter weiterleiten. Auf den in unserer Situation eigentlich notwendigen PanPan-Ruf verzichte ich. Der kurze „Dienstweg“ tut es auch und ist längst nicht so dramatisch. Der freundliche Mann von Warnemünde Traffic leitet unseren Notruf sofort weiter. Wenig später melden sich auf Kanal 16 die Seenotretter und bitten uns um etwas Geduld. Bei diesem Unwetter gibt es für die Retter wohl viel zu tun.

Endlich ist der Sturm durch und die Lage beruhigt sich. Wir haben immer noch ausreichend Abstand zum Ufer. Die Crew taucht, teilweise etwas bleich, wieder an Deck auf. Nun ist nur noch Geduld angesagt, bis uns ein rettendes Boot ins Schlepptau nehmen kann. Ich gönne mir eine entspannende Zigarette. Bei der Crew kehrt Erleichterung ein und es wird schon wieder rum geflachst. Einer der beide Herrn faselt ständig etwas von einem neuen 50 PS Motor (Matten hat ausreichende 26). Ich verbuche das mal unter Traumabewältigung.

Rettung

Beim Vorbereiten der bevorstehenden Hilfsaktion entdecke ich dann auch die Ursache unseres Motorproblems. Eine nicht verstaute Festmacherleine hat sich während des Sturms selbständig gemacht und ist über Bord gegangen. Unweigerlich fand sie ihren Weg zu Mattens Propeller und umgarnte ihn. Na prima. Deshalb ist der Motor auch abgestorben. Auch die vordere Reeling hat sich bei dieser Aktion leicht verbogen, läßt sich aber gleich wieder einigermaßen richten.
Die See ist mittlerweile fast spiegelglatt. Noch vor zehn Minuten sah das ganz anders aus. Endlich sehe ich unsere Retter aus dem Seekanal abbiegen. Zielsicher steuern sie uns an. Auch hier bewährt sich unser AIS, da damit unsere Position gut sichtbar ist. Der Bootsführer schickt einige beruhigende Worte zu uns rüber und erklärt die nachfolgende Schleppaktion. Ich übernehme die Schleppleine, die mit einem Hahnepot versehen ist, und belege die beiden vorderen Klampen. Alles läuft ruhig und routiniert ab. Wir werden an das hintere Becken von Hohe Düne bugsiert und können an einem seitlichen Steg festmachen. Kurz werden noch unsere Daten erfaßt, meine Fördermitgliedschaft bei den Seenotretter macht alles zusätzlich einfach. Die beiden Männer sind ausgesprochen freundlich und lieferten professionelle Hilfe, obwohl sie diese sicher ehrenamtlich leisten. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für die Hilfe.

Jetzt endlich gönnen wir uns ein Anlegerbier und ich erfahre, wie das Unwetter unter Deck erlebt wurde. Jeder der Vier wird die bangen Minuten für sich anders empfunden haben. Und klar ist, dass schon bald eine gewisse Legendenbildung einsetzen wird. Ehrlicherweise blieb mir selbst gar keine Zeit, Angst oder Panik zu entwickeln, weiß aber nicht, wie es mir selbst untätig unter Deck gegangen wäre. Auch meiner Mannschaft ein herzliches Dankeschön, dass sie Ruhe bewahrt hat.

Leine aus dem Propeller

Nun steht die Frage, wie wir die Festmacherleine aus den Propeller bekommen. Glücklicherweise befindet sich am Nachbarsteg eine Tauchbasis. Uli organisiert die Hilfe und in zwei Stunden soll ein Taucher kommen. Es bleibt Zeit, das entstandene Chaos unter Deck zu beseitigen und die Reeling zur Wäscheleine umzuwidmen. Kurz versuche ich selbst, mit Taucherbrille und- flossen mir ein Bild vom Faltpropeller zu machen. Aber die Hafensuppe ist zu trübe und mir fehlt die Luft, länger unter Mattens Rumpf zu verweilen. Wieder etwas gelernt. Da werde ich mir noch eine kleine Pressluftflasche für Matten zulegen müssen. Das andere Equipment ist ja daheim vorhanden.

Tauchversuch
Tauchversuch

Der Taucher taucht auf und gleich wieder ab und kann Mattens Schraube schnell befreien. Er ist dankbar, dass wir die Kunstoffleine nicht durch sinnlose Motormanöver zum Schmelzen gebracht haben. Einen Plastikklumpen vom Propeller zu schälen, wäre erheblich aufwendiger gewesen. Ein Lob in dieser Stunde tut auch gut. So sind wir wieder manövrierfähig und tuckeln zu unserem Liegeplatz. Anleger klappt auch. Es folgt ein langer Abend bei leckerer Fischsuppe, guten Schlückchen und Aufarbeitung des Erlebten.

Seemännisches Fazit: Festmacherleinen gehören unterwegs in die Backskiste. Immer.

Nachtrag: Screenshot vom Bericht der Seenotretter:

Tagesbericht  der Seenotretter
Quelle:Internetseite der Seenotretter