Zurück auf Start, Teil 2

In der Nacht hat es ordentlich geregnet. Soll mir recht sein, denn eine entsalzende Dusche wird Lütt Matten gut tun. War das nun eine der “versprochenen“ Gewitterfronten?

Ich komme zeitig weg und genieße die vom sommerlichen Regen gereinigte Luft. Den Nord-Ostsee-Kanal habe ich vorerst für mich alleine. Nur am Ufer begegne ich vereinzelten Frühaufstehern. Eine joggende Hundeausführerinen winkt mir freundlich zu. Ich grüße ebenso zurück, bin aber ehrlich gesagt froh, dass angesichts der Größe der Dogge mich gut 20 Meter vom Ufer trennen. Wir passieren eine von den vielen Weichen, die den Riesenpötten Gelegenheit geben, unbeschadet einander zu begegnen. Zwei Kilometer weiter folgt ein blaues Schild, dass auf eine querende Fähre hinweist. Anders als beispielsweise auf der Warnow, muss ich dieser keine Vorfahrt gewähren. Trotzdem bin ich besonders aufmerksam, denn manchmal ziehen die Fährleute auf dem NOK recht sportlich an Bug oder Heck vorbei.

Wenig später ziehen am Uferrand zwei eilige Radfahrer mühelos an uns vorbei. Scheinbar gilt für sie nicht die auf dem NOK vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 15 km/h. Na, die will ich dem Flautenschieber sowieso nicht zumuten. Ich belasse es bei der motor- und kraftstoffschonenden Marschgeschwindigkeit von 5,5 Knoten. Ein älterer Herr ruft mir etwas zu, doch der tuckernde Motor verhindert eine Kommunikation. Schade. Ein kleines Mädchen mit einem knallroten Kopftuch spielt am steinigen Uferrand mit einem Schäferhund. Ich denke sofort an die märchenhafte Kiste mit dem bösen Wolf. Aber schnell sichte ich die wachsame Mutter. Dann ist ja mal gut. Die frühe und unspektakuläre Kanalfahrt öffnet die Augen für die kleinen Dinge. Schön.

Mittlerweile kommen mir die ersten Sportboote aus Richtung Kiel entgegen. Man grüßt sich zu, schaut auf die Nationale und macht sich Gedanken, wohin der Weg des anderen führen wird. Auch den großen Pötten begegne ich jetzt häufiger. Zumeist sind sie im Konvoi unterwegs und  fliegen förmlich heran. Deshalb geht mein Blick permanent nach vorne und hinten, auch wenn ich Dank AIS diese frühzeitig auf dem “Schirm“ habe, noch bevor sie für mich tatsächlich sichtbar sind. 

Die Bebauung mit teilweise recht luxuriösen Villen am Kanalufer kündigt das Ende meiner Kanalfahrt an. Kiel in Sicht. 

Da ich gestern in Brunsbüttel meine Gebühr zum Befahren des Nord-Ostsee-Kanals nicht entrichtet habe, muss ich das heute natürlich noch nachholen. Am Bezahlsteg in Holtenau hilft mir erst auf mein lautes Zurufen eine Frau beim Anlegen. Manno, die Crew sieht doch, dass ich hier alleine auf der Brücke stehe. Ich ärgerte mich, zumal deren Boot ewig den Platz besetzt und ich mehrere Kreise ziehen mußte bis ausreichend Raum zum Anlegen war. Wie sich herausstellte, hat der “unfreundliche Akt“ aber einen Grund. Das platzeinnehmende Segelboot hatte nach dem  Verlassen der Schleuse den Propeller verloren und musste sich manövrierunfähig an dieses rettende “Ufer“ schleppen lassen. Oh Mann, den Hassel braucht wirklich keiner. Gedanklich tue ich der Crew Abbitte. 

Ewigkeiten drehe ich im Wartebereich meine Runden, bevor der Schleusenmeister endlich Einlass gewährt. Dann dürfen wir endlich in die Schleusenkammer. Zwei hilfsbereite Motorbootfahrer helfen mit der Bemerkung “Alleine Anlegen ist doof.“ unaufgefordert beim Anlegen. Von wegen, Segler und Motorboote sind sich nie grün. Danke Jungs. 

Die Förde begrüßt mich mit einsetzendem Regen. Tiefgraue Wolken und entferntes Grollen über Kiel mahnen zur Eile. Den Weg zu Marina kenne ich. Nach dem Anlegen beginnt die große Dusche. Das war mal ein gutes Timing.

Da bin ich nun also wieder zurück auf Start, fast jedenfalls, und werde einige Tage daheim abwettern und neu überlegen, ob es Sinn macht, noch in diesem Jahr gen Westen zu ziehen. Ausreichend Seemeilen habe ich mit dem Thailand-Törn und der Atlantiküberquerung ja schon im Seesack. Wieder einmal gilt: Pläne werden in den Sand geschrieben, um mit der nächsten Welle weggespült zu werden. Hoffentlich verzieht sich mein Frust genauso schnell. 

P.S. : Herzlichen Dank für die aufmunternden Nachrichten, die mich nach dem letzten Tagebuch erreichten. Schön, dass so viele gedanklich mit an Bord sind.