Ein perfekter Segeltag: Klintholm – Stralsund

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Endlich. Endlich stimmen Wind, Welle und Ziel. Ich bin froh, heute meiner Mannschaft den Traum vom Segeln erfüllen zu können. Stralsund soll es also sein.

Der frühe Ableger klappt perfekt. Auch unser Nachbar im Päckchen läßt sich ohne Murren wecken. Kaum haben wir den Hafen verlassen, können wir alles Tuch rausziehen. Von wenigen Optimierungen abgesehen, müssen wir die kommenden Seemeilen nichts an den Segelstellungen ändern. Mit einem fröhlichen Lächeln genießt insbesondere Renate sichtlich das Wellenreiten. Ihr können die Wellen scheinbar nicht groß genug sein. Noch lange begleitet uns ein grandioser Blick auf die Kreidefelsen.

Nachfolgend ein kurzer Videoclip (kein YouTube-Video) , der sich in einem separaten Fenster öffnen sollte. Dazu bitte die blaue Zeile “ 4Minuten segeln“ anklicken.

4 Minuten segeln

Matten knabbert indes immer wieder an der 8-Knoten-Marke und überschreitet sie ab und zu mit sichtlichem Vergnügen. Das einem Gebirgslauf ähnelnde Gurgeln an Mattens Heck, dass stets bei Geschwindigkeiten über 7 Knoten einsetzt, ist die schönste Melodie beim Segeln. Die Wellenhöhen bleiben sehr moderat. So erleben wir ein wahres Genusssegeln.

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Wir erreichen die stark befahrene Ostseeautobahn. Alles sieht gut aus. Doch dann ändert ein riesiges Containerschiff seinen Kurs und steuert direkt auf uns zu. Lütt Matten. Lütt Matten. Can you hear me? Es ist immer ein Erlebnis, per Funk mit dem Schiffsnamen angesprochen zu werden, insbesondere von so einem riesigen Dampfer. Unser AIS macht es möglich. Per Funk werden wir höflich gefragt, ob es okay sei, uns an der Steuerbordseite zu passieren. Unsere kleine Nussschale hat nun mal Vorfahrt. Ich gebe mein Einverständnis. Doch schnell wird mir klar, dass der Kurs doch keine gute Idee ist. Das AIS zeigt eine CPA von 9 m (!!!) an, soll heißen, wir passieren einander in einem Abstand von 9 Metern. Nö. Schnell ändere ich meinen Kurs um 90 Grad nach Westen und gebe per Funk meine Kursänderung bekannt. Der Schiffsriese hätte dagegen kaum eine Chance, rechtzeitig auszuweichen. Problemlos zieht dieser nun an meiner Backbordseite vorbei. Wir legen dann wieder unseren alten Kurs an und alles ist gut. Schon merkwürdig. Man sollte meinen, es wäre bei so viel Wasser ausreichend Platz auf der Ostsee. Und dann wären wir fast über den Haufen gefahren worden.

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Es wird wieder geruhsam. Wir lachen noch lange herzlich über den surrealen Moment, als es Lütt Matten, Lütt Matten aus dem Off dröhnte. Uli und Renate finden zwischenzeitlich ihre Klönecke an Mattens Bugspitze. Uns geht es miteinander einfach nur gut.

Die Halbinsel Møn ist nun kaum noch hinter Mattens Heck zu sehen und die Silhouette von Hiddensee, insbesondere Dornbusch, zeichnet sich am Horizont immer klarer ab. Dieter zieht aus seiner Tasche einige Noten und es werden mir teilweise unbekannte Seemannsweisen angestimmt. Leider fehlen mir die notwendigen Notenkennnisse. So darf ich dem dreistimmigen Gesang andächtig und beglückt folgen.

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Vor Hiddensee nehmen wir sämtliches Tuch runter und starten den Motor. Mir fehlt für ein Segeln im engen Fahrwasser einfach der Mut. Der Flautenschieber jagt uns mit einem kräftigen Warnton einen gehörigen Schreck ein. Nicht schon wieder. Ich reduziere die Drehzahl, prüfe Kühlwasserfluss und Motorraum. Alles ohne Befund. Der Keilriemen scheint etwas zu locker zu sitzen. Jedenfalls schließe ich das aus der Fehleranzeige des Motorpanels.

Vorbei an mir wohlbekannten Tonnen geht es in Richtung Barhöft. Einige HobbyCats rauschen an uns vorbei. Man grüßt sich mit einem freundlichen Lächeln. Die Nähe zum Hiddenseer Ufer ist für alle beeindruckend und einfach nur faszinierend.

Lustig wird die Begegnung mit einem überholenden Segler. Uns grüßend folgt der Zuruf, man kenne meine Videos und zeigt gleichzeitig seinen Daumen nach oben. Na, das ist jetzt auch für mich ein Novum. Ich freue mich über das Lob, weiß jetzt aber auch, dass ich mich nicht mehr ganz unbeobachtet auf dem Wasser rumtreiben kann.

Als sich die Fahrrinne wieder verbreitert, ziehe ich wenigstens das Vorsegel noch einmal heraus. Doch in Landabdeckung verzögert sich damit unsere Ankommen um einiges. Also wird der Motor wieder angeschmissen. Der Anleger ist dann zu viert kein Problem. Der Fingersteg ist für mich eine Premiere, aber leicht zu meistern. Was folgt, ist klar. Anlegerbier mit einer heute wahrlich verdienten Spende an Herrn R. , Landstrom legen, Liegegebühr löhnen. Wir haben allen Grund, heute mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf eine erste Entdeckungstour zu gehen. Dieser Tag steht mit drei Ausrufezeichen in meinem Logbuch.

Wir klauben also schnell unsere Rucksäcke und begeben uns in die Stralsunder Altstadt. Mit Lütt Matten liegen wir zuzusagen mitten drin und sind dann auch schnell dabei. Am Marktplatz gönnen wir uns Kaffee und Kuchen und lassen das hanseatische Flair auf uns wirken. Für heute belassen wir es bei einem ersten Kennenlernen und nehmen uns den Besuch der Nikolai-Kirche und des Ozeaneums für morgen vor.

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Gut im obigen Bild zu sehen: unser kurzes Ausweichmanöver.

 

 

 

2 Gedanken zu „Ein perfekter Segeltag: Klintholm – Stralsund“

  1. Klintholm-Stralsund war schön zu lesen (und zu sehen) und weckte viele Erinnerungen an vergangene Törns, die Sehnsucht nach dem Meer ist immer noch da…. Danke sehr!

    Die Schilderung des Törn-Tages passt gerade so gut in meinen Roman – werde sie natürlich total verfremdet und erweitert in dem Kapitel verwenden, an dem ich gerade schreibe.

    Herzliche Grüße,
    Andrea

    1. Moin Andrea, es freut mich, wenn der Text Erinnerungen geweckt hat und Dich anregt, diese literarisch festzuhalten. Wenn ich Dich richtig verstehe, verwendest Du beim Verfassen Deines Romans Deine eigenen Worte und Inhalte. Das ist natürlich völlig okay und Deine künstlerische Freiheit. Viel Freude und Erfolg beim Schreiben. Und vielen Dank für Deine freundlichen Zeilen.
      Ahoi

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