Game over

Ruder3 1200x675 - Game over

Die Wetteraussichten sind nicht berauschend. Trotzdem plane ich für heute das Lösen der Leinen. Vor dem nächsten Tief gibt es für mich in den kommenden zwei Tagen eine Lücke mit 4 bis 5 Windstärken, allerdings mit einigen nassen Einlagen von oben. Also, bloß weg hier. Bevor es losgeht, möchte ich aber noch unbedingt eine mögliche neue Baustelle beseitigen. Nach der Ausfahrt aus dem NOK fühlte sich das Ruder irgendwie schwergängig an und gab merkwürdig quietschende Geräusche von sich. Meine Hoffnung auf Selbstheilung der Geschichte während meiner Abwesenheit hat sich leider nicht erfüllt. Bei meinem Karma weiß man ja nie. 

Also betreibe ich mal wieder Fehlersuche. Die Steuerkette läuft frei. Auch nach einigen jogaähnlichen Verkrümmungen in den Tiefen von Mattens Heck finde ich keine Auffälligkeiten an den Lagern oder am Ruderquadranten. Was nun? Das Steuerrad läßt sich dank Kraftübersetzung zwar einigermaßen drehen. Mein Versuch, das Ruder per Notpinne zu bewegen, scheitert dagegen sofort. Da dreht sich absolut nichts. Nee, so kann ich nicht los. Es wäre nur eine Frage der Zeit, dass der Autopilot angesichts der aufzuwendenden Kräfte seinen Geist aufgeben würde. Letzter Gedanke und Hoffnungsschimmer ist ein Blockieren des Ruders selbst. Vielleicht habe ich mal wieder einen Tampen aufgesammelt, der sich zwischen Ruderblatt und Bootsrumpf gelegt hat. Um der Sache auf den Grund zu gehen, montiere ich meine hoffentlich wasserdichte Gopro an den Bootshaken und rühre mit dieser Konstruktion ein wenig das Hafenbecken um. Es bedarf mehrerer Anläufe, in der trüben Hafensuppe die richtige Kameraeinstellung zu finden. Auf dem Laptop sehe ich mir die Filmsequenzen genauer an und entdecke nur schemenhaft einen weißen Fleck am Ruderschaft, der da nicht hingehört. Allein mit diesen Bildern komme ich nicht weiter.

Laut Aushang beim Hafenmeister hat das Wasser erträgliche 21 Grad Celsius. Diese Temperatur finden wohl auch die vielen Lütt Matten umzingelnden Quallen angenehm. Also ziehe ich mir sicherheitshalber ein nesselabwehrendes T-shirt an, klappe die Badeplattform aus und steige mit Taucherbrille und Schwimmflossen unter Mattens Rumpf. Ich sehe den weißen Fleck am Ruderschaft. Mehr aber nicht. Leider fehlt mir die Luft, um in Ruhe das Ruder näher zu begutachten, geschweige denn zu bewegen. Ich sollte das Rauchen wirklich lassen…

Auch bei einem weiteren guten Vorsatz blieb es in der Vergangenheit leider nur bei einem “Man-müsste-mal“ . Seit der Geschichte mit dem aufgewickelten Festmacher im Propeller wollte ich mir eigentlich eine kleine Sauerstoffflasche in die Backskiste legen. Hätte, hätte, Ankerkette. 

Mittlerweile ist es fast 12 Uhr. Ich komme alleine nicht weiter und benötige jetzt Hilfe. Vom zuvorkommenden Hafenmeister lasse ich mir die Telefonnummer eines Tauchers geben. Na, das wird wieder teuer. Nach mehreren Kontaktversuchen kann ich für heute Abend einen Termin klarmachen. Der Segeltag ist damit endgültig in der Pütz

Gegen 18 Uhr erscheint der Taucher. Locker sind wir schnell beim “Du“, nachdem sich herausstellt, dass der gute Mann ebenfalls leidgeprüfter Bootseigner ist. Nach ausführlicher Schilderung meines Problems taucht dieser ab und überbringt mir wenig später die ungute Nachricht, dass am Ruderblatt selbst nichts zu sehen sei, dieses sich aber beim Bewegen um gute 2 Zentimeter hoch bzw. runter bewegt und eine Abplatzung an der Lagerhülse sichtbar wäre. Das muss ich jetzt erstmal sacken lassen, denn damit sind die Messen für die kommenden Tage gesungen. Lütt Matten muss aus dem Wasser. Game over. Meine Stimmung ist im Keller. Ein kleiner Trost für diesen Moment: Der tauchende Segler will für seinen Einsatz nur eine kleine Aufwandsentschädigung. Vielen Dank für die Hilfe. 

20 Uhr. Hier dreht sich sprichwörtlich kein Rad mehr. Erst jetzt komme ich richtig zur Ruhe und durchdenke meine Möglichkeiten, die eigentlich keine sind. Matten auskranen, Ruder ausbauen und schauen, wie die Ruderlager aussehen. Bei der Recherche im Internet lese ich wiederholt von aufgequollenen Lagern, die zur Schwergängigkeit des Ruder geführt hätten. Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel. Dienen da Reiskörner als Rollmittel, oder was?

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