Stralsund – Warnemünde, eine ungeplante Nachtfahrt

Noch beim Frühstück prüfe ich die Wetterdaten für die kommenden Tage. Mit einem unguten Gefühl lege ich diese beiseite und hoffe auf aktuelle und v.a. bessere Daten. Wir schnüren unsere Rucksäcke und wollen Stralsund näher kennenlernen. Wir stecken unseren Kurs zuerst auf maritime Ziele. Die Gorch Fock I liegt als Museumsschiff am Kai, belassen es aber bei einer äußeren Begutachtung und steuern das in unmittelbarer Nähe befindliche Ozeaneum an. Hier lassen wir uns viel Zeit für die imposante und sehr lehrreiche Meeresschau. Vieles, insbesondere zu den Themen Klimawandel und Meeresverschmutzung, stimmt uns nachdenklich. Noch beim anschliessenden Kaffeetrinken reden wir über unsere Eindrücke. Ein gutes Zeichen, dass die Ausstellung wirklich gelungen ist und Anstoß zum Umdenken geben kann.

Wir ziehen weiter in Richtung Rathaus und Nikolaikirche. Der hanseatische Baustil gefällt mir, gehört er mit seiner klaren und schnörkellosen Architektur doch auch zu meiner Heimat. Nach dem Durchstreifen vieler gelungen rekonstruierter Straßenzüge zieht es mich zurück an Bord.

In meinem Kopf bewege ich unsere Optionen angesichts des prognostizierten Wetters. Mein notorischer Pessimismus meldet Bauchgrummeln an. Wir sollten das noch gute Zeitfenster für eine Rückkehr nach Warnemünde heute nutzen. Wir diskutieren auch nicht lange, bunkern noch schnell Räucherfisch und Matjes und werfen gegen 16 Uhr die Leinen los. Das wird also eine Nachtfahrt.  Der Wind soll natürlich zum Großteil auf Mattens Nase blasen. Ich hoffe aber, zumindest ab Darßer Ort wieder einen segelbaren Kurs anlegen zu können. Die für morgen angesagten Windstärken 5-6 Bft. gegenan will ich uns möglichst nicht antun. Also lieber bei  3 bis 4 Bft. in die Nacht. Gesagt, getan.

Bis Barhöft weht der Wind wie angekündigt. Bis zur Abbiegung nach Hiddensee befinden wir un in Gesellschaft zahlreicher Wochenendsegler. Dann wird es einsam. Noch bei Tageslicht ziehen wir unter Motor an Hiddensee vorbei. Gut so. Nachdem wir unseren Kurs in Richtung Darßer Ort anlegen, wird schnell klar, dass wir, wie erwartet, weiter unter Motor fahren müssen. Ich ziehe das Vorsegel raus, aber selbst ein Segeln an der äußersten Kante des Möglichen würde ein elendes Kreuzen bedeuten. Also setze ich all meine Hoffnung auf die Kursänderung nach der östlichen Gefahrentonne vor Darßer Ort.

Der Wind verliert mit dem Sonnenuntergang weiter an Kraft und Lütt Matten gewinnt mehr und mehr an Fahrt. Das Stampfen gegen die Wellen kostete uns die ersten Meilen knappe 1 1/2 Knoten Geschwindigkeit. Die Wellenhöhen nehmen nun schnell ab und wir fahren recht komfortabel in die Nacht.

Nachtfahrten sind für mich immer etwas besonderes und ich hoffe, meine drei Mitsegler können das ähnlich empfinden. Klar, es wäre schöner, den Flautenschieber abstellen zu können. Doch mich treibt es, dem angesagten Starkwind zu entgehen.  Die Sonne ist jetzt vollends am Horizont verschwunden, hat sich aber mit einem schönen Lichtspiel vor Mattens Bug verabschiedet. Dafür erscheint jetzt ein blutroter Halbmond an der Backbordseite. Er wird im Laufe der Fahrt gen Westen ziehen und uns am Ende einen tollen Untergang bescheren.        Moment einmal. Nochmal bitte den letzten Satz lesen. Ich meine damit natürlich einen Monduntergang. Mattens Untergang wäre bestimmt nicht so toll, egal wie grandios der Mond auch scheinen möge…

Es sieht so aus, als würde auch meine Mannschaft die Nachtfahrt ähnlich magisch empfinden können. Die gesamte Zeit bleibe ich nicht allein im Cockpit. Das Identifizieren von Leuchtfeuern, der klare Himmel, aus dem einige herabfallende Sternschnuppen mit uns das Spiel „Wünsch dir was“ spielen und das sanfte Rauschen der Wellen lassen die Stunden schnell vergehen. Passend zur Schwärze der Nacht zaubern Renate und Dieter aus ihrem Gepäck Spielkarten, mit deren Hilfe wir „Black Stories“ erraten müssen. Gruselige und knifflige Geschichten zu hören, ist jetzt natürlich der absolute Hit. Angesichts der zu erratenen obskuren Stories kringeln wir uns vor Lachen und spüren kaum, wie die Zeit vergeht.  Vielen Dank für diese lustige Idee.

Der Wind ist mittlerweile auf vielleicht 8 Knoten zurückgegangen. Wir befinden uns also scheinbar im Auge des angesagten „Hurrikans“, so zumindest meine pessimistische Interpretation der Abweichung vom angesagten Starkwind. Kurz vor Warnemünde spüre ich dann die ersten Anzeichen eines zunehmenden Windes. Doch da sind wir schon beim Vorbereiten der Fender und Leinen. Der Anleger sollte eigentlich kein Problem werden. Allerdings ist für mich ist das kommende Manöver bei stockfinsterer Nacht neu. Gott sei Dank habe ich Uli mit einer starken Taschenlampe an Mattens Bug postiert, denn trotz Leuchtfeuer sind die Holzpfähle kurz vor der Einfahrt erst im vorletzten Augenblick sichtbar. Habe ich sonst so nie wahrgenommen. Der Anleger selbst wird bei weiter zugenommenen Wind zur Herausforderung. Meine Stirnlampe versagt den Dienst und mir fehlt es etwas an Orientierung. Und eine der beiden achterlichen Leinen liegt auch nicht passgenau auf Maß. Damit entfällt das sonst leichte Eindampfen. Jedenfalls hängen wir doch ziemlich in der Sorgeleine. Wie zu erwarten, steht zu dieser Zeit, es ist jetzt ca. halb Vier, niemand am Steg, der uns die Vorleinen abnehmen würde. Am Ende ist aber alles gut, kein Bruch oder Schaden. Und das wichtigste: unser abgeliefertes Hafenkino hatte null Zuschauer.

Trotz Müdigkeit und fortgeschrittener Stunde muss ich das Anlegerbier erstaunlicherweise nicht alleine trinken. Renates Bemerkung „Laß uns das jetzt auch ordentlich zu Ende bringen“, haut mich fast vom Hocker und erzeugt noch beim Schreiben dieses Berichtes ein zufriedenes Lächeln.

Joo, auch wenn wir leider zu viel motoren mussten, haben wir den Törn wahrlich ordentlich gemeistert und beendet. Es ist nicht selbstverständlich, dass vier Menschen auf beengtem Raum so harmonisch miteinander auskommen. Null Streit, kein lautes Wort, alle haben sich eingebracht. Mit der als Geschenk an Renate und Dieter gedachten Segelwoche wurden Uli und ich selbst reichlich beschenkt. Euch beiden vielen Dank.

Anmerkung:

1. Renate und Dieter haben sich gewünscht, auf diesen Seiten nicht in Bildform zu erscheinen. Es ist also kein Egoismus meinerseits, wenn die beiden auf den Fotos nicht auftauchen.

2. Herzlich danke ich Dieter für seine vielen Fotos. Deren Rechte liegen einzig beim ihm. Bitte respektiert das so.

3. Der angesagte Starkwind kam dann doch noch und wir waren froh, rechtzeitig angekommen zu sein.