Eine kurze mehrtönige Nacht an Bord

Stahlpfosten als Kontrabass

Manno, das ist eine kurze mehrtönige Nacht an Bord. Der Wind soll laut Wetterbericht zur Nacht einschlafen. Denkste. Regen und Windböen bis zum frühen Morgen. Unruhig drehe ich meine Runden von Klampe zu Klampe. Einen Wecker brauche ich mir nicht stellen. Diesen Part übernimmt im Minutentakt dieser Vollpfosten aus Stahl, von dem ich gestern berichtete. Der bildet nämlich den Resonanzboden eines Megakontrabasses. Der vordere Steuerbord-Festmacher fungierte dabei als Bogen, der mit jeder Lageveränderung von Matten den Pfosten zum Klingen bringt. Nun bin ich nur rudimentär mit Notenkunde vertraut, aber die gespielte Mehrtonmusik ist weder Dur noch Moll. Das klingt mehr nach einer zeitgenössischen Weltuntergangssinfonie. Dagegen bilden die Geräuschcollagen von Auditivvokal die reinsten Harmonien. Bloß gut, dass ich hier endsaisonal alleine bin und ich mir nicht den Zorn anderer Schlafgestörter zuziehe. Meine Versuche, den autistischen Bass zum Schweigen zu bringen, scheitern kläglich. Wenn ich die Backbordleine lose gebe, verstummt nur kurzeitig die Kakophonie. Irgendwie findet der Festmacher an Steuerbord immer wieder seinen Weg, um erneut aufzuspielen, dann ein oder zwei Töne höher oder tiefer.

Mit dem Sonnenaufgang legt sich endlich der Wind in seine Koje und ich nutze die Chance, Lütt Matten stressfrei in seine angestammte Box zu verlegen. Damit ist die unmusikalische Nacht beendet und der linke, wahrhaft unrechte Platz wieder frei. Den werde ich jedenfalls nie mehr Skippern empfehlen, wenn diese nach einem Liegeplatz suchend im Hafenbecken kreisen.

Da jeder erneute Einschlafversuch scheitert, mache ich Matten klar für meine Abwesenheit. Segel einpacken, Ventile schließen usw . Gegen 10 Uhr gehe ich, wie immer, mit einem Dankesgruß an Matten von Bord. So ein Boot ist halt nicht nur irgendein Gebrauchsgegenstand. Klingt vielleicht ein wenig schräg, ist aber so.

Ahoi

 

Ein Gedanke zu „Eine kurze mehrtönige Nacht an Bord“

  1. Bester ( aber nicht einziger mir verbundener) Erklärbär,

    mit dem vorgelegten Beitrag erreicht ja der Lütt-Matten-Betreiber locker die Hochkultur. Der nächste Grimme-Preis in der Kategorie „Schlafstörung“ geht an Dich.
    Allein die epochale Wortschöpfung „endsaisonal“ ist so brilliant, da gibt es kaum noch eine Steigerung.
    Spontan kam mir das Bild in den Kopf, dass der Heinz Feldmann von den aktuellen Kameraden im Herbst 89 das Ruder noch hätte rumreißen können, wenn er die Verteidiger der größten Tätärätä der Welt mit diesem Begriff noch hätte mobilisieren können.
    Wobei endsaisonal eher schon wieder klingt wie „finalsaisonal“ und Lütt Matten bald wieder in Ruhe den Winter in Barth verbringen darf ?
    Aber wie wir wissen, auch der Herbst hat schöne endsaisonale Tage.
    Vielleicht hilft ja bei „Schlechtwetterblues“ doch der Beistand einer endsaisonalen Nixe, zumindest könnte man sich am Morgen danach intensiv über die erlebten Gefühle der gehörten zeitgenössischen Weltuntergangssinfonie austauschen. Frag mal bei Ulli an, ob sie helfen könnte.
    Für kurzzeitige Entspannung hilft vielleicht ein Song aus meiner Jugend ( Single Handed Sailor von Dire Straits )
    https://www.youtube.com/watch?v=E36JaBiYI0g

    Es grüßt der Binnenbeer

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