Blinde Passagiere an Bord

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Geschäftiges Treiben auf dem Steg holt mich aus dem Tiefschlaf. Auf vielen Booten bereitet man sich auf das Winterlager vor. Eigentlich ein Jammer, an diesen schönen Tagen nicht die Segel zu setzen. Im Halbstundentakt werden gegenüber mittels Kran Boote entmastet, aus dem Wasser geholt  und auf einen bereitstehenden Trailer gehievt. Es ist ein lustiges Bild, wenn der Werft-Traktor die Fuhre durch den Ort zieht. Durch meine Stegperspektive wirkt es so, als würden die Yachten an den unschönen 70er-Jahre-Hotelbauten vorbeischweben. Unentschlossen schlürfe ich meinen Kaffee. Die Wetterberichte könnten nicht unterschiedlicher sein. Mittlerweile vertraue ich mehr dem Deutschen Wetterdienst. Der sagt für heute anfangs schwächelnde Winde an, die sich später zu einer dicken 5 auswachsen sollen. Aber wann ist “später“? Ich möchte am Montag wieder in der Heimat sein, denn mich ruft das Kloster beziehungsweise dessen Freundeskreis. Einen Haken über Gedser zu schlagen, wird angesichts der Prognosen eine stürmische oder elende Motorfahrt. Je nach Wetterdienst. 

Ich gebe mir einen Ruck und schmeiße die Leinen los. Heute ist das Ablegen überhaupt kein Problem. Lütt Matten ist quasi zwischen zwei Booten eingequetscht. Vertreiben nicht möglich. Aber eine meiner achterlichen Leinen wird von dem nach mir angelandeten Nachbarboot blockiert. Die hängt so stramm, dass ich zu tun habe, uns zu befreien. Leinen entflechten und gleichzeitig Lütt Matten sicher auf Linie halten, geht schlecht. Eine helfende Hand am Steg führt meine letzte Vorleine und sorgt damit für ein stressfreies und sicheres Manöver. An dieser Stelle gleich mal ein Lob an die “Bewohner“ der Marina. Hier grüßt man sich freundlich zu und steht ungefragt helfend zu Seite. So mein, wenn auch kurzer, Eindruck.  Allerdings darf man keine langen Stegpalaver erwarten. Sind wohl alle aus der Gegend. Norddeutsche halt. Mir ist es recht. 

Nach der Hafenausfahrt kann ich gleich alles Tuch setzen. Die aufsteigende Sonne verspricht einen schönen Segeltag. Mit 5 bis 6 Knoten kommen wir bei den knappen 3 Bft. ganz gut voran. Kein Segler in Sicht. Ich komme schon ins Grübeln, ob ich den Wetterbericht falsch interpretiert habe und eine Unwetterfront droht.

Das Segeln ist sehr entspannt. Ich rede mal wieder mit der Kamera, lese und genieße den Augenblick. Der Wind legt etwas zu. Ich habe mir ein Limit gesetzt, ab dem ich reffen will. Das erreichen wir nicht. Schade. Die Schräglagenfahrt dauert nicht lange, denn Herr R. möchte wohl ein Mittagsschläfchen halten. Wieder setze ich mir eine Grenze. Erst unter 3,5 Knoten Fahrt will ich den Flautenschieber um Hilfe bitten. Der für „später“ angesagte Starkwind sitzt mir doch irgendwie im Nacken. 

Der Motor läuft. Die Segel lasse ich unterstützend stehen und hänge vorschriftsmäßig den schwarzen Kegel unter die Saling. Auf Höhe Wismar ballert dann wieder so eine Schnellfähre vor meinen Bug. Die sieht bestimmt nicht, dass ich unter Motor fahrend ausweichpflichtig bin. Also ändere ich frühzeitig deutlich meinen Kurs und gewähre Vorfahrt. Nach 10 Minuten kann ich schon wieder meinen alten Kurs anlegen. 

Leichte Aufregung erzeugen zwei blinde Passagiere. Die entern aus der Luft kommend strategisch günstig den Baum und die Schoten im Cockpit. Mit gelingt es gerade noch, den Zugang in Mattens Bauch zu versperren. Den Stress, zwei Vögel aus dem Salon zu vertreiben, will ich mir ersparen. Die Piraten vergnügen sich lange an Bord, verhalten sich aber sehr zurückhalten, sprich, kein Vogelkot ist im Nachgang von mir zu beseitigen. 

Weniger rücksichtsvoll verhält sich ein ein dritter Piepmatz, der mich im Sturzflug meiner Weintrauben berauben will. Der Überraschungsangriff reißt mich mitten aus meinem gedankenversunkenen Lesen. Nur durch hektisches Rumfuchteln kann ich das Raubtier abwehren. Allerdings hätten vorbeifahrende Segler meine verteidigenden Armbewegungen auch als SOS-Signal werten können. Aber heute bin ich hier recht allein. Bloß gut.

Herr R. dehnt seinen Mittagsschlaf ungefragt weiter aus und ich hole resigniert das mittlerweile nervig flappende Tuch runter. Erst kurz vor Warnemünde kehrt der Wind zurück, nunmehr aus einer um fast 180 Grad anderen Richtung. Ich bin zu faul, für eine halbe Stunde Segeln nochmals an den Winschen  kurbeln zu müssen. Ich bewundere lieber die SEDOV, einen vor Anker liegenden russischen Viermaster. 

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Joo. Dann liegt auch schon Hohe Düne vor Lütt Mattens Bug. Der Anleger gelingt ganz passabel. Allerdings waren meine neuen Markierungen an den Achterleinen recht kurz geraten (mit Absicht, denn ich wollte nicht unkontrolliert gegen den Steg dängeln). Deshalb brauchte ich nach dem Eindampfen etwas Zeit, die Festmacher nochmals richtig zu justieren und zu markieren. Ein vorbeiziehendes Ehepaar wartet geduldig und nimmt mir gekonnt die Vorleinen ab. Das kühlgestellte Anlegerbier teile ich redlich mit Herrn R. Danke für zwei schöne Segeltage. 

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Ahoi

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