Sommersegeln im Oktober

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Die letzten Tage hatte es ja Herr R. ordentlich krachen lassen. 30 Knoten Wind und mehr als nur einen Eimer Regen. Da war der gestrige Besuch der frisch Getrauten nebst Nachwuchs eine willkommene Abwechslung in der ansonsten trost- und menschenlosen Marina. Erfreulich waren dann die Aussichten für den heutigen Tag. Vorausgesagte südwestliche Winde verhießen als mögliches Zielgebiet einmal nicht den Osten, sondern nordwestliche Gefilde. Fehmarn lag im Bereich des Möglichen, auch wenn mittlerweile die Tage doch recht kurz sind. 

Den Wecker hatte ich vergessen zu stellen. Mist. So verpasse ich die morgendliche Flaute und ziehe mich mühsam, gesichert durch eine Führungsleine, aus der Box. Wenn heute was schiefgeht, ist niemand zu Stelle. Aber alles läuft gut. Die Fender verstaue ich mal nicht und lasse sie standby einfach auf Deck liegen. Wen kümmert es? Ist ja eh keiner unterwegs, der diesen Fauxpas kritisieren könnte. Unter Motor passiere ich den Warnemünder Hafenkanal und ziehe Groß und Vorsegel mit einem Reff raus. Ich brauche vorerst ein Gefühl, wie Lütt Matten die alte Welle und die heutigen 18 Knoten hart am Wind wegsteckt. Besser gesagt, wie ich es wegstecke. Wir rauschen wenig später mit über 7 Knoten gen Rostocker Reede. Also mehr Tuch braucht es nicht. Der Wind ist kühl. Gut, dass mich Zwiebelschichten und die dicke Segeljacke schützen. Ich atme durch und kann endlich meinen vorbereiteten Kaffee genießen. Nur Mattens Schieflage und sein Stampfen gegen die Wellen lassen den Gang unter Deck zum Balanceakt werden. Da sich auch der Frühstückshunger meldet, muss es eine Butterbrot mit Tomate tun. In den Kühlschrank turne ich jetzt lieber nicht. Wamm, wieder kracht Matten in eine ordentliche Welle. Das ganze Boot zittert dabei. Als ich wieder ins Cockpit steige und mich anleine, rauscht doch tatsächlich ein Segelboot von achtern an mir vorbei. Grund genug, das restliche Tuch rauszuziehen. Siehe da, die Peinlichkeit, nur mit 7,5 Knoten unterwegs zu sein, ist damit ausgeräumt. Allerdings schieben wir jetzt noch mehr Lage. Trotz segelmäßigem Aufrüsten kann ich aber den Abstand zu dem anderen Segler nicht mehr verkürzen. Na gut, seine Segel sehen auch ziemlich teuer aus. Carbonfaser oder so.

Wenig später erweist sich der Überholer als ein Glücksfall für mich, denn ich sehe gerade noch, wie eine Böe ihn erfasst und er ordentlich zu rödeln hat. Also öffne ich schnell das Groß und reffe dann beide Segel auf die Hälfte. Das war gerade noch rechtzeitig. Das Groß bei 25 Knoten einzurollen, ist kein Spaß. Mit der Genua ist es wesentlich einfacher. Seltsamerweise bin ich nach dem Reffen auch nicht viel langsamer. Das ganze Manöver hätte ich mir auch sparen können, wenn mich nicht mein blöder Ehrgeiz gepackt hätte. Muss ich mir merken. Gegen 13 Uhr lässt der Wind spürbar nach. Noch bin ich zu faul, wieder mehr Tuch zu setzen. Erst, als es an Mattens Heck aufhört zu gurgeln, immer ein Zeichen, dass wir mit unter 7 Knoten unterwegs sind, ziehe ich an den Strippen. Die Segel rauszuholen, geht immer einfacher. Ich spiele mit meiner Kamera, gerate mal eben auf Kollisionskurs mit einem Dickschiff und genieße die Sonne im Gesicht. Die dicke Segeljacke liegt längst schon unter Deck. Gut, dass ich heute Matten aus seiner Box geholt habe. Dem scheint das Ganze Spaß zu machen. Die Wellen sind nun auch kleiner und das nervige In-die-Wellen-Knallen ist Geschichte. 10 sm vor Fehmarn schläft der Wind weiter ein und wir „dümpeln“ nur noch mit 5 Knoten dahin. An anderen Segeltagen hätte ich mich über eine Fünf vor dem Komma gefreut. Kurz vor Fehmarn dreht dann Herr R. nochmal auf. Nicht, dass ich nur faul aufs Meer blicken würde. Also wieder Segel reffen und hinterher Luft holen. Das war wohl ein sogenannter Düseneffekt. Vermute ich mal, denn für die plötzliche Windzunahme habe ich keine andere Erklärung. Die riesige Fehmarnsundbrücke erschein am Horizont. Heute lasse ich diese links liegen und steuere den Tonnenstrich nach Burgtiefe an. Wieder meldet der Motor einen unerklärlichen Alarm, nachdem ich sämtliches Tuch eingeholt habe und den „Gashebel“ nach vorne lege. Kühlwasser läuft, Motorraum ist sauber. Öl hatte ich ja gestern gecheckt. Ich drücke den ätzenden Warnton weg und tuckere mit unterer Drehzahl in Richtung Marina. Der Anleger wird etwas raumgreifend. Hm. Gott sei Dank steht ein netter Herr am Steg und nimmt mit die Vorleinen ab und alles ist gut. Das Anlegerbier mit einer wohlverdienten Spende an Herrn R. beendet den Törn.

Landstrom legen und Liegegebühr im Hafenbüro löhnen sind dann die letzten Pflichtveranstaltungen. Wenig später will ich den Ort erkunden, der mich ehrlicherweise null inspiriert.

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Aber zumindest die Scholle Nr. ? ist schmackhaft. Dabei sitze ich bei den letzten Sonnenstrahlen noch im Biergarten und darf bayerische  Blasmusik live erleben. Die Musikanten hatten wohl eine norddeutsche Trainingswoche und üben nun bei gefüllten Bierkrügen für ein Oktoberfest, welches hier morgen nach echt norddeutscher Tradition abgehalten werden soll. Das heutige Sommersegeln im Oktober war mir da mein ganz privates, der Region wohl besser entsprechendes Fest. 

Ahoi

4 Gedanken zu „Sommersegeln im Oktober“

  1. super Bericht, wie haben gestern unsere Bavaria 35 in Bewege entgegen genommen und haben sehr skeptisch auf den Wind geschaut. heute dann doch Recht wenig Wind, sind allerdings jetzt zwischen Kap Arkona und Lohne unterwegs und freuen uns auf das Anleger Bier;-)
    ahoi und noch viel Spaß dieses Wochenende

    1. Viel Spaß beim Segeln. Joo. Bin inzwischen mangels Wind wieder in Hohe Düne angekommen. Bericht folgt. Also, sanfte Wellen und guten Wind aus der richtigen Richtung. Ahoi Stefan

  2. Jetzt hat mich das Segel-Fieber aber so richtig erwischt. Bin ganz hin und weg. In der Woche war sehr viel dabei und trotz anhaltender Demut vor den Herausforderungen des Segelns habe ich einiges ganz gut gemeistert. Grundberührung, Sturm mit 4-5m Welle zwischen Lohme und Thiessow, Schäkelbruch, Batteriewechsel sind nur einige gemeisterte Herausforderungen. Aber auch wunderschöne Segelstunden und tolle Häfen gehabt. Lohme, Gager, Wieck/Greifswald, Stralsung, Vitte, Kloster. Vielleicht schaust Du mal bei mir bei Facebook, da habe ich einiges berichtet. Und natürlich würde ich gern mal einen Klönsnack mit Dir machen(obwohl wir natürlich in jedem Hafen Tageserfahrungen der dortigen Skipper geteilt haben). Viele Grüße von Andreas
    PS: Kommendes Wochenede mache ich das Funkzeugnis.

    1. Wow. Das war ja gleich die volle Packung. Für die Erfahrungen habe ich vier Jahre gebraucht! Ordentlich Welle vor Gran Canaria, Grundberührung (wenn auch nur im Schlamm) in Danzig. Der Batteriewechsel fehlt mir noch… Oder besser nicht. Herzlichen Glückwunsch, alles wohl gut gemeistert zu haben. Dann sollte Dich in Zukunft nichts mehr aus der Ruhe bringen. Für das Funkzeugnis drücke ich die Daumen. Mit halbwegs durchschnittlichen Englischkenntnissen sollte das für jeden gut machbar sein. Also keine Panik. Ab Mittwoch bin ich dann wieder auf Lütt Matten. Ölwechsel und die Kontrolle des Riggs stehen auf dem Programm. Und natürlich Segeln. Ahoi.

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