Der späte Vogel fängt auch den Wind

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Ohne Wecker werde ich erst um 8:30 Uhr wach. Irgend etwas ist heute anders. Unter Lütt Matten gluckst es. Leichte Wellen erzeugen dieses für einen Schläfer in der Achterkajüte vielleicht nervige Plätschern. In der Eignerkabine ist davon nichts zu hören. Der Verklicker zeigt süd-süd-östlichen Wind an. So wackel ich meine Spät-Morgen-Runde zur Mole und peile die Lage. Schaumkronen sind bei diesem ablandigen Wind nicht zu sehen – keine Gefahr für mich Anfänger. Auf freier See mag dann aus der 3 eine 4 werden. Auch das sollte gut beherrschbar sein. Wieder hadere ich mit meinem Mut zum Alleinablegen. Doch bei diesen idealen Bedingungen muss ich einfach raus. Ausreden gibt es nicht. Der Ableger klappt wunderbar. Die angebotene Hilfe vom Nachbarn muss ich nicht in Anspruch nehmen. Das fühlt sich schon mal gut an. Nach dem Verlassen der Marina weht es mit Wind von Achtern. So macht das Setzen des Groß für mich keinen Sinn. Zu stark ist meine Angst vor einer Patenthalse. Ich belasse es bis Tonne 10 beim Vorsegel und rausche für gestrige Verhältnisse mit knapp 4 Knoten gen Norden. Danach stelle ich Matten in den Wind und ziehe das Groß raus. Jetzt geht der Spaß richtig los. Mit Kurs auf Wustrow legt sich Matten auf die Backbordseite und scheint sich mit mir zu freuen. Ich fiere etwas die Großschot und Matten richtet sich wieder auf. Ich fühle mich so sicherer und kann jetzt die nächsten Seemeilen richtig genießen. Wenn die Segel nicht ganz sauber stehen, zuppel ich ein wenig an den Leinen und lerne zunehmend, was jede Veränderung am Segel bewirkt. Bei diesen Bedingungen kann man dies gefahrlos testen.

Mit Wustrow in Sichtweite fahre ich eine geruhsame Wende. Dazu hole ich das Groß dicht und steuer Matten durch den Wind. Vorsegel rüber holen und dann die Großschot wieder fieren -kein Geschwindigkeitsrekord, aber sicher und stressfrei. Der Wind hat leicht zugelegt und die Logge geht jetzt über die 7 Knoten. Dies scheint die richtige Geschwindigkeit für Lütt Matten. Ich dagegen muss noch lernen, meine Nervosität zu bändigen und diesen Segelspaß einfach nur zu genießen. Die Rücktour ist längst nicht so anstrengend, wie es vor knapp zwei Wochen noch mit dem Rad war. Ich kann den Rest meines gestrigen Abendessens warm machen und mich bei Rauschefahrt stärken. Es stimmt also: Segelbeine taugen nichts für Pedale. Gegen 16 Uhr berge ich alle Segel und lege mit direktem Wind auf die Nase die restliche Strecke entlang des Tonnenstriches unter Motor zurück. Der Anleger gibt keinen Anlaß zum Hafenkino. Ein netter Stegwanderer gibt mir die Distanz zur blauen Holeleine (erkläre ich unter „Klugschnack“ – An- und Ablegen) und nimmt mir die Vorleinen ab – und alles ist gut. Nach Feinjustierung der Festmacherleinen und Legen des Landstromes schmeckt das kühle Anlegerbier. Auch wenn ich Bornholm nicht mehr ansteuern konnte, die angesagten Windrichtungen aus Westen wären für die Rücktour untauglich, war es ein perfekter Segeltag. Der späte Vogel (Segler) fängt auch den Wind.

Nachtrag: Ein Mayday-Ruf aus Dänemark erinnert mich an Schreckensminuten auf den Seychellen: Ein Schwimmer wird bei starker Strömung vermißt. Die Suche per Helikopter und Rettungsbooten bleibt erfolglos.

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