Die erste Wache allein

Irgendwann habe ich mich dann doch hingelegt. Meine Koje befindet sich im Bug. Und hier wird das Ausziehen zu einer kräftezehrenden Prozedur. Jeder Handgriff muss mit dem Wellengang koordiniert werden. Nicht immer finde ich rechtzeitig Halt und hole mir die obligaten blauen Flecken.  Eingeklemmt zwischen zwei Bettdecken schiebt mich Lütt Matten von einer in die andere Ecke. Wellen krachen über meinem Kopf, Matten schlägt hart ins Wasser. Es gluckst und plätschert. Ich nehme die Kakophonie des Meeres mit meinem Smartphone noch kurz auf und finde irgendwann zu einer Art von Halbschlaf.

Mein Wecker bimmelt. Wieder beginnt die mühsame Klamottenprozedur. Manno, jetzt hat es aber reingehauen. Ist das noch normal? Ich klettere ins Cockpit und picke mich mit meiner Sicherungsleine ein. Rettungswesten sind auf Lütt Matten eh Pflicht. Gerard kocht noch schnell einen Kaffee für mich und verkrümmelt sich dann in seine Koje. Upps, nun bin hier oben also wirklich allein. Der Wind bläst kontinuierlich aus Nordwest mit mittlerweile 22 Knoten. Die Nacht ist stockfinster. Am Bug spiegelt sich Back- und Steuerbordlicht immer wieder in der schäumenden See. Das Hecklicht gibt nur wenig vom Wellenbild preis. Ich hatte mir das beängstigender vorgestellt. Anrollende Wellenberge erkenne ich zu spät und bin froh, eingepickt zu sein. Sie bringen Lütt Matten regelmäßig vom Kurs ab. Das Heck wird von der Welle einfach weggedrückt.  Eingreifen muss ich dabei nicht, der Autopilot macht seinen Job super. Schnell und direkt korrigiert er jedes Abweichen. Ich gewöhne mich an das Aufundab und erkenne einen bestimmten zeitlichen Abstand zwischen den besonders hohen Wellen. Matai hatte mir noch den Hinweis gegeben, auf die grünen Lichter parallel zum Verkehrtrennungsgebiet zu achten. So finde ich auch ohne Plotter gute Orientierung.  Regelmäßig halte ich Ausguck, prüfe Kurs und Segelstellung. Das automatische Schiffsidentifizierungssystem (AIS) hilft, mögliche Kollisionen mit anderen Schiffen zu erkennen. Doch nur zwei Segelboote tauchen vor mir auf und halten ausreichend Abstand. Fischende Boote, denen Lütt Matten ausweichen müßte, bleiben mir erspart. Ich genieße die Stunden. So verlängere ich auch freiwillig meine Wache und lasse Matai etwas länger schlafen. Der bedeckte Himmel erfüllt mir dann auch den Wunsch nach einem wunderbaren Sonnenaufgang auf See und läßt eine ordentliche Lücke. Gegen 6 Uhr wecke ich Matai und verziehe mich in meine Koje. Ich falle in einen tiefen Schlaf.

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