Scholle Nr. 5, verschwundene Autos und ein „Neger“ in der Uckermark

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Ein zweiter, etwas beruhigender Anruf verhinderte gestern mein fluchtartiges Vonbordgehen in letzter Minute. Den hektisch zusammengeklaubten Seesack konnte ich nochmal abstellen und mit Gerard einen ordentlichen Abschied bei Scholle Nr. 5 begehen. Feiern war für mich nicht mehr drin. Zuvor haben wir gemeinsam Lütt Matten entsalzt und aufgeklart. Während des Abends bei gutem Weißwein quatschte ich die wortreiche Kellnerin ständig englisch an – Folge der 10 Tage Englisch-Bordsprache. Gerard und ich redeten noch lange über den Törn und zukünftige Pläne und ich werde manchen Ratschlag meines salzbuckligen Segelfreundes beherzigen.

Gerard und ich wollen heute früh los. Doch der Tag beginnt so abstrus, wie das gestrige Ankommen. Unsere Autos sind verschwunden! Die Marina hat den gesamten Parkplatz an die DEKRA für irgendeine Veranstaltung vermietet und wohl vergessen, dass Segler auch mal länger als 24 Stunden unterwegs sein können. Jedenfalls wurden unsere Kisten einfach umgekrant. Eigentlich inakzeptabel, aber ich bin kein Mensch cholerischer Anfälle. Als dann der Kassenautomat seinen Dienst quittiert und ich wieder auf Wanderschaft gehen soll, um meine 90 Euronen zu löhnen, wird mein Gespräch mit der Hotelrezeption doch etwas weniger friedfertig. Am Ende öffnet sich für uns die Schranke kostenlos. Gerard und ich verabschieden uns, wie es sich für zwei, die mehrere Tage in einem Boot gesessen haben, gehört. Danke Gerard. Danke Mr. Spiderman.

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Gerard, Mr. Spiderman

Mich zieht es jetzt zu meinen Eltern. In Neubrandenburg werde ich zu einer Gewaltbremsung genötigt, in deren Ergebnis die Bremsschläuche meines Autos ihre Dichtigkeit verlieren. Mit letzter Bremswirkung erreiche ich bei Prenzlau eine Werkstatt, die sich aber an meine Kiste nicht herantraut. Also rufe ich den ADAC und bitte um Hilfe, die auch prompt kommt. Ich muss unbedingt weiter und stehe seit dem Autogesuche am Morgen langsam unter Strom. Per Taxi soll ich in die nächste größere Stadt, um dort einen Mietwagen zu erhalten. Als mich ein schwer untersetzter uckermärkischer Taxifahrer, dessen altersschwaches „Taxi“ kein Taxameter aber Kunsfellschonbezüge hat und selbst wohl mehr eine 400-Euro-Aushilfskraft ohne Ortskenntnis im ehemals weißen Feinripp darstellt, mich angesichts der letzten sonnenreichen Segeltage in meinem Gesicht mit folgenden Worten begrüßt: „Du siehst aber aus, wie ein Neger! Wat machst´n hier?“ halte ich nur noch meine Klappe, schließe die Augen und denke, dass dies alles nur ein schlechter Film ist. Leider nicht. Was dann und in den kommenden Tagen folgt, ist eine Geschichte, die hier nicht hingehört. Übrigens mußte ich dem Taxifahrer auch den Weg zur Mietstation weisen, habe aber sogar eine Quittung für dies Alpfahrt erhalten. (Für eventuelle Drehbuchautoren: die Rechte für diese wahre Geschichte liegen bei mir!)

Diesen Tagebucheintrag habe ich nachträglich mit zeitlichem Abstand geschrieben, da mir in den letzten 4 Tagen nicht der Sinn danach stand.

Abschließend noch einige Daten und Zahlen zum Törn Danzig-Warnemünde:

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Dauer: 52 h

Distanz: 276,6 sm

mittlere Geschwindigkeit: 5,3 kn

Höchstgeschindigkeit: 10,1 kn

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