Fahrt ins Winterlager

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Eine stürmische Woche, die selbst der Sächsischen Zeitung eine Meldung wert war, verhinderte den geplanten Törn ins Winterlager.

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Quelle: Sächsische Zeitung

Bis zum 14. Oktober muss aber Lütt Matten in Barth sein. Nervös schaue ich jeden Tag auf die Wettermeldungen. Endlich zeigt sich für Sonntag und Montag eine Lücke, bevor in der Nacht zum Dienstag das große Herbstblasen des Herrn R. wieder loslegen soll. Andreas kann kurzfristig zusagen und so fahren wir gemeinsam nach Warnemünde. Dort angekommen enscheiden wir uns für ein schnelles Ablegen, denn der Deutsche Wetterdienst meldet zunehmenden Wind auf 6 Bft. Noch bei Tageslicht geht es bis zur Tonne 10. Die ausgelegten Stellnetze vor Warnemünde möchte ich mir nicht bei Dunkelheit in Schraube oder Kiel holen. Noch steht eine ordentliche Restwelle der vergangenen stürmischen Tage. Der Wind bläst mit moderaten 10 Knoten aus Nordwest. Da für die Nacht ein zunehmender Wind angekündigt ist, setzen wir das Groß nur zu zwei Dritteln. Das Vorsegel rollt Andreas ganz raus. Es läßt sich bei Bedarf schnell und gut einhand reffen. Bei dem ganzen Gerödel und der noch laufenden Welle überkommt meinem Vorschoter dann eine ordentliche Übelkeit. Nun dürfen die Fische von Ulis Zwiebelkuchen kosten. Leider bringen meine Ratschläge und das Kleben von Scopolaminpflaster keine Besserung für Andreas. So erübrigt sich eine Wacheinteilung für die Nachtfahrt. Bald schon muss ich den Flautenschieber anwerfen, da wir den schwächelnden Wind, der auf Nordost gedreht hat, nun direkt auf die Nase bekommen und ein Gegenankreuzen keinen Sinn macht. Andreas kann sich dann irgenwann in die Koje hauen. Die Schüssel muss er nicht mehr bemühen. Ich nutze die folgenden Nachtstunden, mein gelerntes Wissen von Lichterführung und Leuchtfeuern aufzufrischen. Unter Maschine mit Dampferlicht fahrend sind wir jetzt kein Segelfahrzeug mit priviligiertem Vorfahrtsrecht. Vor „Darßer Ort“ treffe ich auf ein sogenanntes manövrierbehinderte Fahrzeug. Der Bagger führt drei Rundumlichter rot-weiß-rot und ich habe einen entsprechenden Bogen zu schlagen.

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rot-weiß-rot schwer erkennbar

Es folgt noch die Küstenwache, die mir aber frühzeitig die Vorfahrt gewährt. Ansonsten ist im Küstenbereich wenig los. Trotzdem halte ich „gehörig Ausguck“, wie es die Vorschrift im Behördendeutsch zu nennen pflegt. Das AIS (automatisches Schiffsidentifizierungssystem) gibt mir in der Dunkelheit zusätzliche Sicherheit. Am nördlichen Horizont folgen, wie auf einer Perlenschnur gezogen, die vielen Dickschiffe der Kadetrinne. Jährlich sind auf diesem Seeweg 90.000 Schiffe unterwegs und ich bin froh, heute diesen nicht kreuzen zu müssen. Dank Ulis Backkünste anläßlich des Geburtstages unserer beiden großen Decksjungen, kann ich während der Fahrt mich mit Streusel- und Zwiebelkuchen unkompliziert und lecker stärken. Kaffee und Cola helfen mir, meinen Koffeinspiegel auf wachhaltendem Niveau zu halten. Drei Zwiebelschichten Kleidung, Mütze, Schal und Handschuhen wärmen mich ausreichend und vor dem einsetzenden Nieselregen kann ich mich gut unter der Sprayhood schützen. Der Wind ist entgegen der Vorhersage ganz eingeschlafen. Die Wellen sind nun nur noch einen halben Meter hoch. Ich verstehe mal wieder nicht die Wettervorhersage. Die stündlichen Einträge ins Logbuch bieten immer wieder Beschäftigung. Hier trage ich Schiffsposition, Daten über Wind, Welle und Luftdruck sowie unsere Kursdaten ein. So entsteht ein kleines Törn-Tagebuch, welches ich gerne immer wieder durchblättere. Hinter Darßer Ort laufen die Wellen nun von Achtern und lassen Matten ruhig durch die Ostsee gleiten. Das wird auch Andreas wieder auf die Beine helfen. 10 sm vor Hiddensee reduziere ich unsere Geschwindigkeit. Ich möchte die folgenden engen Fahrwasser gerne erst bei Tageslicht erreichen, denn dem Plotter vertraue ich dann doch nicht blind. Bei Sonnenaufgang wecke ich Andreas. Der fühlt sich mittlerweile wieder dienstfähig. Ich bin dankbar für den zweiten Navigator. Die Fahrrinnen nach Barhöft und weiter durch den Darßer Bodden sind recht eng und an deren Rand „locken“ teilweise Tiefen von nur 40 cm. Irre, wie nahe wir an die westliche Küste von Hiddensee kommen. Uns trennen teilweise nur 15 Meter vom Strand. Nach dem Abzweig vor Barhöft begrüßt uns neben einem ungemütlichen Regen eine starke Gegenströmung. Diese verlangsamt unsere Fahrt um fast 2 Knoten. So kommen wir bei 5-6 Knoten (ca.10-12km/h) nur mühsam voran.

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starke Strömung, sichtbar an der Fahrwassertonne

Wie mir später der Barther Hafenmeister bestätigt, hat der Sturm der letzten Tagen viel Wasser in den Bodden geschoben, das nun wieder zurückläuft. Als ich mich vorab auf den Internetseiten des BSH über die Pegelstände des Bodden informiert hatte, war ich ganz froh, dass diese bis 80cm über Normal lagen. Erst kürzlich gab es für den Bodden einen Sécureté-Funkspruch (Sicherheitsmeldung) über eine vertriebene Fahrwassertonne und zwei festsitzende Sportboote. Nach mühsamen und nassen Stunden erreichen wir gegen Mittag unseren Zielhafen. Wir quetschen uns in eine enge Box und suchen das Hafenbüro auf. Ich bin ziemlich geschafft und wäre froh über eine Mütze Schlaf. Doch daraus soll nichts werden. Die Werft will schon in der nächsten Stunde Lütt Matten kranen. Also fix zurück zum Boot und im Eiltempo die wichtigsten Dinge von Bord schaffen, Segel abschlagen, Wassertank leeren usw. Mittlerweile schüttet es wie aus Gießkannen und wir müssen unsere mehr als sieben Sachen dem Regen überlassen. Andreas macht sich auf den Weg, unser Auto von Hohe Düne zu holen. Auch er würde wohl lieber eine Erholungspause bevorzugen. Ohne seine Hilfe, wäre diese Blitzaktion nicht machbar gewesen. Ich bugsiere Lütt Matten zum Kran und fülle den Dieseltank randvoll, damit winterliches Kondeswasser mir in der kommenden Saison keine Probleme bereitet. Dann hängt Matten schon in den Seilen und wird aus dem Wasser geholt.

 

Es folgt eine Grundreinigung des Unterwasserschiffes. Eigentlich sieht alles noch recht gut aus. Nur wenige Seepocken haben sich festgesetzt. Die Opferanoden sind allerdings kräftig beansprucht worden. Sie dienen dem Schutz vor Elektrolyse und müssen im Frühjahr auf jeden Fall ersetzt werden. So überlasse ich Matten den Marineros der Barther Werft und werde wohl im November nur noch zum Abplanen nach Barth reisen. Beim Warten auf Andreas komme ich langsam zur Ruhe. Der Regen hat auch die letzte Kleidungsschicht erreicht. Meine Augen brennen und jeder Schritt fällt schwer. Ich bin fix und fertig und rätsel, wie es die Einhandsegler nur schaffen, mehrere Tage nicht zur Ruhe kommen zu können. In der Ostsee traue ich mich bei dem vielen Schiffsverkehr jedenfalls nicht, zwischendurch einen Kurzschlaf zu halten. Endlich kommt Andreas mit dem Auto um die Ecke und wir verladen schnell die nassen Sachen. Leider kann ich bei den mehr als 400 km Rückfahrt nicht helfen, sondern sinke nur noch kraftlos in den Beifahrersitz.

Das war nun die erste Segelsaison auf eigenem Kiel. Dankbar schaue ich auf die vielen Tage auf dem Wasser. Lütt Matten bot viele Gelegenheiten, Freunde an Bord haben zu können. Die räumliche Beschränktheit eines Bootes und das Segeln sind eine wunderbare Möglichkeit, Gemein- und Freundschaft zu pflegen. Die Schiffstaufe war natürlich der Höhepunkt des Jahres und zählt zu meinen glücklichsten Momenten. Ein lang gehegter Lebenstraum ist damit wahr geworden. Uli trägt dies alles mit Freude mit.

Noch immer fühle ich mich als Anfänger. Manches Ziel konnte oder wollte ich noch nicht ansteuern. Richtiges Schwerwettersegeln blieb mir erpart oder besser, bin ich aus dem Wege gegangen. Doch ich werde mich weiter herantasten und üben. Und ich würde mich freuen, wenn auch 2017 viele Freunde mit mir den Spaß am Segeln teilen können.

Hier nochmal die Strecke des Törns. Zurückgelegte Seemeilen: 61, davon leider nur 12 unter Segel

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