Durch den Nord-Ostsee-Kanal

Aufstehen. Kaffeekochen. Ablegen. Wenig später stehe ich vor der Schleuse zum Nord-Ostsee-Kanal. Ein wenig Bammel habe ich ja. Nicht vor den knapp 100 Kilometern reiner Motorfahrt. Nee, das Schleusen alleine händeln zu müssen, bereitet mir etwas Kopfzerbrechen. Insbesondere, wenn ich neben irgendeinem Containerschiff festmachen muss, dessen Schraubenwasser eine kräftige Strömung erzeugt. Aber nach einem fast einstündigen Kreisen vor der Schleuse ist mir diese Angst genommen. Kein Dickschiff in Sicht. Alles nur Segler und Motorboote, die ebenfalls in den Kanal wollen. 

Das einzeln unterbrochene Licht am Signalmast erscheint endlich. Es kann losgehen. Die Stege in der Schleuse liegen sehr tief. Das kenne ich ja bereits seit der Tour aus Holland. Deshalb schleife ich Mattens Fender auch etwas durchs Wasser. Nicht alle kennen diesen Trick und geraten beim Anlegen in der Schleuse etwas in Hektik. Ich lasse den Booten bei der Einfahrt in die Schleusenkammer gerne den Vortritt, damit ich in Ruhe mit Matten anlegen kann, ohne die anderen bei der Schleuseneinfahrt zu behindern. Das Anlegen klappt super. Nur vom Boot zu klettern ist eine sportliche Herausforderung. Das heißt, runterspringen geht ja noch. Aber wieder an Bord zu gelangen, ist die eigentliche artistische Prüfung. Okay. Auch das bewältige ich irgendwie und bin dankbar, dass da nicht irgendwo eine Webcam mitläuft. 

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Die ganze Prozedur des Schleusens ist dann schnell erledigt. Alle Festmacher liegen auf slip, soll heißen, ich kann diese vom Boot aus wieder lösen. Ablegen und raus aus der Schleusenkammer. Hundert Meter weiter muss ich dann wieder die Leinen werfen. Eine freundliche Frau nimmt mir diese ab und ich kann Lütt Matten am Automaten für die Kanalgebühr sicher abparken. 18 Euro löhnen, ablegen und endlich kann die Kanalreise losgehen. 

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Es wird eine einzige Kilometerfresserei. Nicht nautische Seemeilen. Nein, auf dem NOK wird in Kilometern gezählt. Dazu prasselt die Sonne kräftig. Ich spanne das Bimini auf und finde gegen Mittag endlich Schatten. Ab und zu kommen mir Riesenpötte entgegen, die etwas mehr Aufmerksamkeit erfordern, denn diese Monster saugen förmlich das Wasser vom Ufer weg und der Wasserpegel fällt dann mal schnell um einen Meter. Aber alles gut händelbar.

In Rendsburg fahre ich unter die bekannte Hochbrücke, die immer noch saniert und somit funktionsuntüchtig ist.  Immer noch, weil dies schon vor vier Jahren so war. Ich hatte gehofft, die an der Unterseite der Brücke verkehrende Schwebefähre mal in Aktion sehen zu können. Schade.

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An der Abzweigungen zum Odereider See denke ich an die Story mit dem 15-Euro-Mann. Den Seglerbibel anpreisenden Werftbesitzer besuche ich heute nicht, lache aber innerlich nochmals herzlich über diesen Typen. 

Einzig bemerkenswert auf der Weiterfahrt ist eine in unseren Breitengraden selten gehörte Musik. Da spielt doch tatsächlich jemand am Ufer, wohl der Akustik wegen direkt unter einer Brücke, auf einem Alphorn. Und er bringt wirklich saubere Töne aus diesem langen Rohr. Fehlt bloss noch ein Schluchtenjodler. Die Welt ist aus den Fugen.

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In Brunsbüttel angekommen, finde ich für Matten einen sicheren Liegeplatz, allerdings direkt neben der Schleusenkammer für die kommerzielle Schifffahrt (ich kann mich immer noch nicht an die drei Effs gewöhnen). Damit verbunden ist eine enorme Unterwasserakustik durch Bugstrahler und Schrauben. Na gute Nacht. Da muss ich mich wohl prophylaktisch mit etwas Hopfenwasser sedieren. Nach den hundert Kilometern auf dem Kanal gönne ich mir eine gegrillte Leber mit besagter Einschlafhilfe als Beilage. Alster, bei den jetzt noch herrschenden Temperaturen ist die richtige Wahl. Ich muss mich nur beim Ordern selbiges konzentrieren, nicht ein Radler zu bestellen. Das wäre hier ein absoluter Fauxpas. Das Restaurant ist nur 50 Meter von der Marina entfernt und ich habe einen guten Blick auf Lütt Matten. Knapp 20 Meter dahinter schleusen permanent riesige Containerschiffe. 

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Blick auf Lütt Matten, dahinter schleust gerade ein Dickschiff aus

Zurück an Bord sehe ich einen Katamaran im Hafenbecken kreisen. Ob seiner Größe schein deren Suche nach einem Liegeplatz erfolglos. Ich rufe dem Skipper zu, er möge sich bei mir ins Päckchen legen. Skippers Gesicht strahlt dankbar zurück. Gesagt, getan. Wie sich herausstellt, ist auf dem Zweirümpfer eine vierköpfige Familie unterwegs, deren Stimmung etwas gedrückt ist. Wir kommen schnell miteinander ins Gespräch. Der Kat hat ein, nein zwei Getriebeprobleme und deren Ursache ist unklar. Das Elternpaar zeigt mir zwei Gläser mit milchig-grauem Getriebeöl aus den beiden Saildrives. Oh, oh. Das sieht nach einer Wasservermischung und damit Undichtigkeit aus. Merkwürdig nur, dass es beide Getriebe gleichzeitig erwischt hat. 

Die Familie befindet sich am Anfang einer Auszeit und will mit der ARC von den Kanaren in die Karibik segeln. Die bisherigen Wochen hat sie eigentlich nur mit Reparaturarbeiten und Werftaufenthalten verbracht. Verständlich, dass die Laune an Bord nicht gerade fröhlich ist. 

Schließlich vereinbaren wir für morgen eine gemeinsame Zeit fürs Ablegen und ich finde schnell in einen Tiefschlaf.

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