Muskelkater in Avignon

Über 200 Flußkilometer bescheren uns eine Tagesfahrt, die wir teilweise auf dem Sonnendeck genießen können. Die Sonne gibt nochmal ihr Bestes, doch eine steife und kühle Brise aus Richtung des Zentralmassives vertreibt uns immer wieder. Flußströmung und Windrichtung kämpfen gegeneinander. Das Resultat sind für Binnenverhältnisse ordentliche Schaumkronen und eine kabbelige See. Doch die knapp 126m Schiffslänge bügeln den Wellengang landrattentauglich glatt. An uns ziehen Flußauen, ruinöse Burgen und ein altes KKW vorbei.

Erst vor Avignon wird die Aussicht spektakulär, denn der im Sonnenlicht hell strahlende Papstpalast ist frühzeitig sichtbar und schürt unsere Entdeckerlust. Wir unterfahren eine Eisenbahnbrücke, die von dem aus Paris und Porto bekannten Eisenkonstrukteur Eifel entworfen wurde. Nach einem kräftigen Rudergeben nach Backbord sehen wir die historische Stadtsilhouette von Avignon. Bei einem französischen Walzer greife ich mir meine Mutter und tanze mit ihr einsam einen kleinen Freudentanz. Daraufhin ernte ich mit einem Lächeln den mütterlichen Rüffel, ich sei verrückt. Dann ist es so.

In Avignon lassen wir den Palast vorerst links liegen. Mutter hat im Reiseführer eine Galerie mit berühmten Impressionisten entdeckt. Und die steuern wir auch gleich an. Ich darf bei der gemeinsamen Bilderschau mal wieder über die kulturelle Bildung meiner Reisebegleiterin staunen. Allerdings hält sich die Zahl der gezeigten Meisterwerke in Grenzen. Bei mir bleibt besonders eine Dame im rosa Morgenmantel im Gedächtnis. Ach ja, da war noch ein Herr van Gogh. Der hielt einen Eisenbahnzug aus dem Jahre 1890 fest. Wären nicht die typisch orang-gelbe Farbgebung und der Namenszug Vincent am unteren Bildrand, würde ich Kulturbanause sagen, hier stimmen die Bildkomposition überhaupt nicht und die 2 und mehr Millionen Euro für so ein Werk sollte man lieber in eine 50er Swan (Segelyacht, was sonst) investieren.
Nach dem Galeriebesuch melden sich bei Muttern erste Nachwehen des gestrigen Stadtmarathons und wir verschieben die päpstliche Palastrunde auf morgen Vormittag.

Nach einem kräftigen Koffeindoping gehe ich nochmal alleine von Bord und durchkämme die historischen Gassen von Avignon. Ich nehme den Papstpalast in ersten Augenschein und staune über diesen gewaltigen Bau. Scheinbar war man sich damals nicht immer des göttlichen Segens gewiß, denn Mauerstärke und – höhe des Baues müssen früher mehr abweisend als einladend gewirkt haben. Am Ende meines Streifzuges erstehe ich noch ein hoffentlich oft genutztes Reiseutensil. Die blind gekaufte Sonnenbrille für meine Mutter erweist sich später glücklicherweise als passend und akzeptiert.
Zum Abend melden sich auch bei mir die Beinmuskeln und katern vor sich hin. Wir beide werden unsere kommenden Ausflüge wohl etwas besser dosieren müssen.

Ahoi aus Avignon

 

 

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